Seit Juni 2025 leitet Christian Beyer das AWO Altenzentrum Dr.-Horst-Schmidt-Haus in Melsungen und ist damit auch für die Tagespflege verantwortlich. Im Interview erzählt er, was ihm für seine Tagesgäste und die Bewohner*innen besonders wichtig ist, was ihn antreibt und wie er mit seinem Team täglich eine wertschätzende, zugewandte Atmosphäre schafft.
Herr Beyer, Sie sind sowohl für die stationäre Pflege als auch für die Tagespflege verantwortlich. Was motiviert Sie jeden Morgen, diese verantwortungsvolle Aufgabe anzugehen?
Beyer: Mich motiviert vor allem der Gedanke, dass hier Menschen auf uns zählen. Für viele beginnt der Tag bei uns mit einem Lächeln, einem Gespräch oder einfach mit dem Gefühl, nicht allein zu sein. Zu wissen, dass ich gemeinsam mit meinem Team dazu beitragen kann, unseren Gästen und Bewohner*innen Sicherheit, Struktur und Lebensfreude zu geben, ist für mich jeden Morgen ein starker Antrieb.
Erinnern Sie sich an einen Moment aus Ihrem Berufsalltag, der zeigt, warum Ihnen die Arbeit mit älteren Menschen so am Herzen liegt?
Beyer: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Bewohnerin, die anfangs sehr still war und kaum Kontakt zuließ. Nach einigen Wochen sagte sie zu mir: ‚Jetzt fühle ich mich hier wie zu Hause.‘ Dieser Satz hat mich sehr berührt. Er zeigt, wie wichtig Zeit, Geduld und echtes Interesse sind.
Was ist Ihnen im Umgang mit Ihren Gästen und Bewohner*innen persönlich am wichtigsten?
Beyer: Mir ist wichtig, dass sich jeder Mensch gesehen und ernst genommen fühlt. Nicht nur als Empfänger von Pflegeleistungen, sondern als Persönlichkeit mit einer eigenen Geschichte. Ein respektvoller Umgang, ehrliche Gespräche und auch ein gemeinsames Lachen gehören für mich genauso zur Pflege wie fachliche Kompetenz.
Wie gestalten Sie gemeinsam mit Ihrem Team einen Tag in der Tagespflege?
Beyer: Wir legen großen Wert auf einen liebevoll strukturierten Tagesablauf: Gemeinsames Frühstück, Gespräche, Aktivangebote, aber auch Ruhephasen gehören dazu. Täglich fragen wir nach: Wie geht es unseren Gästen? Was brauchen sie? Dieser individuelle Blick macht unseren Alltag lebendig.
Wie gelingt es Ihnen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich sowohl ruhige als auch aktivere Gäste wirklich gesehen und wohlfühlen?
Beyer: Indem wir sehr genau hinschauen und zuhören. Manche Menschen genießen es, aktiv dabei zu sein, andere fühlen sich wohler, wenn sie einfach dabei sein dürfen, ohne viel zu sagen. Beides ist völlig in Ordnung. Unser Ziel ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich niemand anpassen muss, sondern so sein darf, wie er bzw. sie ist.
Worauf legen Sie besonderen Wert, wenn es um Pflegequalität und Sicherheit geht – sowohl tagsüber als auch in der stationären Betreuung?
Beyer: Mir ist wichtig, dass Pflege nicht nur korrekt, sondern auch herzlich ist. Sicherheit entsteht durch klare Abläufe und gut ausgebildete Mitarbeitende, aber auch durch Vertrauen. Gleichzeitig achten wir darauf, den Menschen so viel Selbstständigkeit wie möglich zu lassen, denn das stärkt das Selbstwertgefühl und die Lebensfreude.
Viele Angehörige wünschen sich Klarheit und Verlässlichkeit. Wie binden Sie diese in die Betreuung ein?
Beyer: Angehörige sind für uns ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Wir nehmen uns Zeit für Gespräche, hören zu und erklären, warum wir Dinge so oder so tun. Mir ist wichtig, dass Angehörige spüren: Ihre Sorgen sind berechtigt und sie sind mit ihren Fragen nicht allein.
Was raten Sie Familien, die zum ersten Mal über Tagespflege oder stationäre Betreuung nachdenken?
Beyer: Ich rate dazu, sich Zeit zu nehmen und auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Tagespflege oder stationäre Betreuung bedeutet nicht, jemanden abzugeben, sondern Unterstützung anzunehmen. Oft erleben Familien, dass sich nicht nur der Alltag entspannt, sondern auch die Beziehung wieder leichter und liebevoller wird.